Eine Melodie für einen Song; die Storyline für DEN Roman, der alles bisher Gelesene in den Schatten stellen wird; die Vision eines Porträts oder „nur“ der Einladungstext zur Einschulungsparty des Enkels: „It´s all in the cosmos!“ sagte vor langer Zeit einmal unser Freund Ronnie Wood.
Und ja, der muss es wissen, dachte ich damals schon. Songwriter, Gitarrist der Rolling Stones und seit langem auch ein verdammt guter Maler.
Sebastian Krüger und Ronnie Wood / privat Die Ausdehnungen des Universums sind an menschlichen Maßstäben gemessen unendlich und damit auch der Schatz an Inspirationen und Ideen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum es so unendlich schwer fallen kann, unter all den Visionen, den inneren Vorstellungsbildern das Passende auszuwählen und in der realen Welt umzusetzen. Die Gefahr, sich dabei zu verlieren, ist groß.
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns zu hilft, zu leben.“ Hermann Hesse, „Stufen“, 1941
Was also ist magischer, als ständig neu anzufangen, ein „absolute beginner“ zu bleiben und die Aufbruchsstimmung in ferne Galaxien als Treibstoff für immer mehr neue Ideen und Visionen zu benutzen?
Andrea Faustmann, „Lost“
Lost in space, wenn kein Song, kein Gemälde, Buch oder wie hier ein blog als Ziel der Reise angesteuert wird. Kreative Höhenflüge führen oft zu Bruchlandungen und tiefen Frustrationen. Ausreden, um sich das Scheitern nicht eingestehen zu müssen, sind oft: „Unpassende Lebensumstände“ wie „keine Zeit“, „keine Unterstützung“, „Kreativitätsblockade“, „Angst vor dem Erfolg“, „Angst vor dem Misserfolg“ und was es sonst noch so an Ausreden gibt. Und ja, das alles ist zutiefst menschlich, denn als solche sind wir auf das Lust-Prinzip gepolt. Essen, Dach oder Helm überm Kopf als Schutz vor Gefahren sowie die Aussicht, sich zu reproduzieren, gehören zu den sogenannten Primär-Bedürfnissen. Das All ist kalt, und sich der feindlichen Atmosphäre eines unbekannten Terrains auszusetzen, erfordert Mut, Ausdauer und eine maximal gute Ausrüstung.
Sebastian Krüger, privat
Und genau dafür stehe ich und meine Agentur- für eine maximal gute Ausrüstung während künstlerischer Expeditionen zu sorgen, sei es als Künstler (allgemein gültiger Hinweis für mein blog: Mit dem generischen Maskulinum sind alle, wirklich alle gemeint, unabhängig davon wie sie gesehen werden möchten) als Kunstsammler, Galerist oder Kunst-Intereressierter.
Ich sorge dafür, dass niemand verloren geht. Dass keine Idee, keine Vision als Satellitenschrott in der endlosen Weite des Kreativersum auf ewig herumtrudeln muss. Bodenständigkeit trifft auf planetarische Weltsicht.
Mit dieser kleinen Geschichte möchte ich zeigen, wie das funktionieren kann:
Wild at Heart
Vor einem knappen Vierteljahrhundert lebten wir in einer gerade erworbenen Bauruine mitten in der Wildnis. Ohne jede Vorstellung davon, wie und ob wir diese Situation meistern würden oder ob das ganze in einer gewaltigen Katastrophe enden würde. Keine funktionierenden Badezimmer; keine Küche -ich kochte am Lagerfeuer oder stand bis in den Herbst am Grill-; nur das Atelier und eine Art Not-Büro waren eingerichtet, weil wir dass dringend erforderliche Geld verdienen mussten, um nicht zu verhungern und die Hypothek für das Haus zu bedienen.
Foto privat
Da klingelte das Telefon. Festnetz. Immerhin. Bis das installiert worden war mussten wir mit einem Satelliten-Telefon klar kommen, das so schwer wie ein Kochtopf aus Gusseisen war und so viel Nebengeräusche erzeugte, dass sich Ortsgespräche wie Kommunikation mit Außerirdischen anhörten.
Am anderen Ende war eine Frau, die sich als Kollegin (ich hatte viele Jahre als Journalistin u.a. für den WDR Köln gearbeitet) vorstellte und mir von ihrem jungen Schwager aus Kanada berichtete, dessen Lebenstraum es war, ein Praktikum bei seinem großen Vorbild, dem Maler Sebastian Krüger zu machen. Gute Idee. Klar, warum nicht. Aber ausgerechnet jetzt?!?!
Sie schwärmte von ihrem jungen Schwager in höchsten Tönen: Er sei begabt, höflich, gut erzogen und würde in unserem Chaos überhaupt nicht auffallen. Er sei Wald und Wildnis ja gewohnt und überhaupt. Egal, was ich als Gegenargument für seine Unterbringung auch ausführte, sie wurde nicht müde zu wiederholen, dass der Flug praktisch schon gebucht sei und dass sein Professor an der Art School in Kanada ihm ein Empfehlungsschreiben ausgestellt hatte, das besser nicht sein konnte. Ob wir nicht doch..?
Ich gab auf und ergab mich -wie so oft in jener Zeit- in mein Schicksal.
Dave -so hieß die Nachwuchskraft aus dem kanadischen Outback- kam mit Schwägerin und Bruder angereist und wurde in einem notdürftig ausgestatteten Gästezimmer mit Bett und Schreibtisch untergebracht. Er verabschiedete sich; seine Familie versicherte, ihn, falls es Schwierigkeiten geben sollte, unverzüglich wieder abzuholen, und Dave -17 Jahre jung und in der Tat sehr höflich und äußerst sympathisch-, begab sich zu Bett. In der Erwartung, dass er nach dem Breakfast am nächsten Morgen an der Seite des Meisters neben der Staffelei im Atelier Platz nehmen würde. Doch der Meister war, da überwiegend nachts arbeitend, ein Langschläfer, und so hatte ich die Aufgabe, Dave bis dieser auferstanden war, zu beschäftigen. Arbeit gab es mehr als genug, aber nicht von der Art wie Dave sich das erhoffte. So vergingen fünf Tage. Nachmittags nachdem Dave schon einige Stunden vor sich hingezeichnet hatte und mir auch brav bei kleineren Arbeiten im Haus zur Hand ging, bezog er Stellung neben dem Meister im Atelier. Dieser gab ein paar Tipps und Hausaufgaben und setzte ihn dann wieder vor die Ateliertür.
Dave resignierte. Seine Laune glich sich den Außentemperaturen an, und sein Gesicht wurde mit jedem Tag länger als der Schlagschatten unserer Trümmerbude. Ich vermutete Heimweh nach der kanadischen Wildnis, aber weit gefehlt. Zögernd gab er zu, was ihn bedrückte. Er hatte sich einen durchgetakteten Arbeitstag -ganz wie in seiner Art School üblich- vorgestellt: 1. Stunde Skizzieren, 2. Stunde Mal- und Zeichentechnik, 3. Stunde Anatomie, dann lunch break, nachmittags Korrektur und Fortsetzen des begonnenen art works und so weiter und so fort.
Der arme Junge. Was nun? Nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens beschloß ich, ihm die Vorzüge einer Künstlerexistenz wie der Meister sie damals praktizierte, schmackhaft zu machen: Bis kurz vor der lunch break, die als spätes breakfast eingenommen wurde, entweder im Bett oder wechselweise selbständig am Schreibtisch zu verbringen, eine Runde spazieren gehen, danach vorsichtig an die Ateliertür klopfen, fragen, was heute ansteht, am frühen Abend mit mir am Grill stehen und den Abend bei Bier und Schnaps und Videofilmen ausklingen zu lassen. Nachtruhe zwischen 3 und 4 Uhr am frühen Morgen.
Er war enttäuscht. Bis ich ihm vorschlug, eine richtig zünftige Willkommens- Party zu schmeißen, damit ihm unsere Freunde Gelegenheit geben konnten, die deutschen Gebräuche näher kennen zu lernen.
Das gefiel ihm. Die Party wurde ein voller Erfolg. Für ihn, weil er Freundschaften schloss und begriff, dass das Künstlerdasein noch andere Facetten zu bieten hatte als nur die Arbeit am Schreibtisch und im Atelier.
Und für uns, weil wir uns freuten, dass wir in unserer spontan angenommenen Rolle als Gasteltern unter widrigsten Umständen eine ganz gute Performance abliefern konnten.
Foto: privat
Nach drei Wochen wurde Dave von seiner Familie abgeholt. Müde. Verkatert. Glücklich darüber, dass er es geschafft hatte, in seiner künstlerischen Entwicklung voran zu kommen.
Wieder zurück in Kanada schrieb er, wie sehr es ihm bei uns gefallen hatte und dass er großes Lob von seinen Kommilitonen und seinem Professor für seine Arbeiten, die er in dieser Zeit gemacht hatte, bekommen hat.
Danach wurde es still.
Wir bekamen Internet, und eines Tages -einige Jahre später- eine Email von Dave. Aus Amsterdam. Wo er inzwischen als freischaffender Künstler lebte und geheiratet hatte. Und all das, so schrieb er, verdankte er uns. Mit der Heirat haben wir ganz sicher nichts zu tun. Aber offensichtlich hat er bei uns die Inspiration und die Ermutigung für sein Leben als Künstler bekommen, und genau das ist, was mich und meine Arbeit ausmacht.
Dazu ermutigen, Krisen zu bewältigen, Probleme zu lösen und nach den Sternen zu greifen.
Offenheit vermitteln für Inspiration, neue Wege zu beschreiten.
Lösungsorientiert und Ressourcen nutzend, gehe ich individuell auf die Anforderungen und Bedürfnisse meiner Klienten ein.
Schnapstrinken und Partytime aus früheren Tagen sind lange vorbei. Die Trümmerbude ist längst zu einem vorzeigbaren Anwesen geworden. Doch die Freiheit von damals ist als Dauergast bei uns geblieben.